Samstag, 20. September 2003. Da sitzen wir nun auf dem Frankfurter Flughafen und warten mit zwei weiteren Paaren auf den Flug in unser Adoptionsabenteuer.
Gepäckkontrolle ! Mist, ich bin die letzte unserer Gruppe und dann noch auf meinem ersten Flug überhaupt. Mein sorgsam gepackter Rucksack erregt behördliche Aufmerksamkeit und die guten Leute vom Sicherheitsdienst lassen nicht nach, bis eine erlösende Stimme lachend und zur Info aller Mitreisenden quer durch die Halle brüllt :“ Ein Flachmann is’ es !“ Peinlich, aber unseren frisch aufgefüllten schwäbischen Obstler als absoluten Magennothelfer habe ich voll vergessen.
Der Aeroflotflug nach Moskau ist okay. Zwar ziemlich ausgebucht und im Vorfeld muss man die Lästereien der lieben Freunde, als sie was von Iljuschin hören, über sich ergehen lassen, aber die nostalgische Wasserkanne für den heißen Tee ist unschlagbar. Wir landen in Mos-kau auf Sheremetyevo 2. Pass- und Zollkontrolle passieren wir recht zügig und bevor wir uns verirren können, steht auch schon unser Fahrer mit großem Erkennungsschild vor uns, der uns sicher durch den chaotischen Moskauer Verkehr zum Hotel chauffiert.
Der Sonntag ist gespickt mit kleiner Sightseeingtour um Kreml und Roter Platz, bis um 17.30 Uhr eine Mitarbeiterin vom Zentrum für Adoptionen bzw Frank-Foundation uns zum Flughafen
Domodedovo lotst. Es wird spät, wir landen ca. um 1.00 Uhr nachts in Orenburg und müssen unseren mit Tapetenmustern versehenen Tupolev-Flieger zu Fuß übers Rollfeld verlassen. Unsere Reiseutensil-ien erscheinen auf einem laut ratternden Rollband in einer himmel-blauen Abfertigungsbarracke und hilfreiche Hände führen uns und das Gepäck zu gut gewärmten bereitsehenden Autos, die uns zum Hotel bringen. 2.30 Uhr, wir fliegen erschöpft in die Federn und merken nicht mal wie kalt das Zimmer in dieser heizungsfreien Zeit ist.
Montag, 22. September 2003. Wir stehen alle im Hotel und werden von Olga, unserer Ersatzdolmet-scherin, auf die zuständige Behörde zum Erhalt einer Erlaubnis, nach Orsk in das Kinderheim zu reisen, begleitet. In unseren Mägen kommt mal wieder so ein flaues, nervöses Gefühl auf und wir fragen uns, warum ausgerechnet heute die eigentliche Dolmetscherin ausfallen muss . Die Tür geht auf . Wir sind dran. Putin schaut uns von der Wand an, gegenüber sitzt ein russischer Beamter, eine russische Beamtin, unsere Olga und als Unterstützung die englische Dolmetscherin. Es läuft alles ganz gut. Kornelia beantwortet Unmengen an Fragen, die wir eigentlich erst zum Gerichtstermin erwartet haben, bis Olga uns mit einem Paukenschlag den Unterschied zwischen dolmetschen und übersetzen klar macht. Olga spricht und unsere Ohren hören folgende Worte: “ Das Kind wird ihr Kind nicht sein!“.
Für uns bricht die Welt zusammen! Hilfe, wir gehören zu denen, die kein Kind adoptieren werden! Aber auch die streng dreinblickenden russischen Beamten und die zweite Dolmetscherin merken an unseren erschro-ckenen Gesichtern hier gibt’s ein Übersetzungsproblem und wir er-fahren die englische Variante des wegbegleitenden Schlusssatzes: „ Kind und Mutter sind sich am Anfang noch fremd und man braucht gemeinsame Zeit der langsamen Annäherung“ Uff, tja....das Kind wird ihr Kind nicht sein...ein Satz, der in unserem Hirn für immer einge-meißelt ist. Wir dürfen mit behördlicher Erlaubnis ins Kinderheim reisen!
Dienstag, 23. September 2003. Es ist 4.30 Uhr, Aufstehzeit. Wir versuchen auf unserem Hotelzimmer mit heißem Wasser, Pfefferminzteebeuteln und Keksen ein einigermaßen magenfüllendes Früh-stück hinzubekommen.
5.30 Uhr, unser Autokonvoi startet nach Orsk in Richtung Kinderheim. Eine ca. 300 km lange Auto-fahrt entlang des Ural-Flusses, über die Ausläufer des Ural-Gebirges und durch Steppenlandschaft. Ich kann mich fast nicht wach halten und Kornelias hauptsächliche Wachhalteaktion besteht darin mir in regelmäßigen Abständen einen Hieb in die Seite zu versetzen, um mich auf den faszinie-renden Anblick der aufgehenden Sonne überm Ural aufmerksam zu machen. Ein unbeschreibliches Naturschauspiel. 8.30 Uhr, wir erreichen Orsk und biegen im Ort Richtung Kinderheim ab .
Die Straße wird sandig, holprig und die Gebäude sehen trostlos aus. Die Spielgeräte stehen im ausgetrocknetem hohen Gras und sind zum Teil kurz vor dem Verfall. Auch die Sandkästen sind sicherlich schon lang nicht mehr bespielt worden.
Die Kinderheimleiterin begrüßt uns im Innern des Kinderheimes, das unerwartet freundlich eingerichtet ist. Die Minuten vergehen und wir warten im bunten Musikzimmer aufgeregt auf Marina.
Die Tür geht auf ! Herein kommt : Marina! Liebevoll von einer Betreue-rin gebracht und in Kornelias Arme gelegt. Ein kleines, zartes, leichtes und total blasses Kind. Es sind irre Minuten und wir sind gerührt und versuchen eine vorsichtige, langsame Annäherung. Wir sind aber auch schockiert in welchem Entwicklungszustand unsere Tochter ist. Wir haben ein 17 monatiges Baby in den Armen, das darauf wartet endlich sich zu entfalten. Marinas Augen sind hellwach, doch sie weiß weder etwas mit ihren Händen anzufangen, noch kommen vernehmbare Töne aus ihrem Mund. Uns wird schlagartig bewusst, dass wir uns in einem Kinderheim mit ca. 100 elternlosen Kindern befinden und wir absolut nichts
hören. Kein Babyge-schrei, kein Kindergeschrei...es ist ruhig. Unvorstellbar, wenn wir daran denken, wie viel Lärm schon allein zwei Kinder veranstalten können. Wir verbringen den Tag mit Marina, spielen, animieren, be-
obachten und sprechen mit Ärztin und Betreuerinnen. Wir schlucken als wir den vitaminreichen Ernährungsplan hören, aber wahrscheinlich ist das der Wunschgedanke, wenn wir könnten würden wir das alles geben. Jedenfalls für uns ist absolut klar: Marina ist unsere Tochter!
Doch wir müssen uns jetzt schweren Herzens für die nächsten Wochen von ihr trennen.
Mittwoch, 24.September 2003 . 5. 30 Uhr, aufstehen! Wieder
Pfefferminztee und Kekse sowie eine deftige Erkältung im Reisegepäck. Es geht heim.
Wieder werden neue amtlich besiegelte Papier benötigt, wieder beginnt eine Wartezeit, wieder hoffen wir auf einen erlösenden Anruf !
Freitag,17. Oktober 2003 : 16.10 Uhr unser e-mail Programm blinkt heftig. Ihr Gerichtstermin steht fest, sie können buchen !